Wer Was Wo Weinviertel im Gespräch mit Bio-Winzer Georg Toifl aus Kleinhöflein

Geht es dem Blauen Portugieser an den Kragen, oder kann man die bedrohte Rebsorte, die gleichzeitig ein wertvolles Weinviertler Kulturgut ist und war, noch retten?

WerWasWo Weinviertel: Lieber Georg, möchtest du dich einmal kurz vorstellen?

Georg: Grüß Gott. Ich bin Georg Toifl und komme aus Kleinhöflein bei Retz. Ich bin Absolvent der Höheren Bundeslehranstalt für Wein- und Obstbau in Klosterneuburg.

Wir, also meine Frau Helga und ich, bewirtschaften im Weingut 25 ha Rebfläche und sind eines von 4 Regenerative Organic Certified, kurz ROC, Weingütern in Österreich. ROC bedeutet, dass man nicht nur biologisch zertifiziert ist, sondern auch regenerativ, also darin, den Boden zu bewahren und zu verbessern (z. B. Humusaufbau). Des Weiteren ist die ROC-Zertifizierung auch ein Social-Fairness-Zertifikat. Einfach gesagt, wird kontrolliert, wie wir mit unseren MitarbeiterInnen umgehen.

Unser Sortenschwerpunkt liegt natürlich auf den Weinviertler Klassikern wie Grünem Veltliner und Blauem Portugieser, aber auch auf den Burgundersorten Pinot Noir, Grauburgunder und Weißburgunder sowie weiteren Rebsorten.

In unserem Weingut legen wir sowohl auf die Natur als auch die Kultur großen Wert. Wir sind immer auf der Suche nach neuen künstlerischen Möglichkeiten, um unseren Gästen komplexe Sachverhalte einfach zu erklären. Genussvolle Vermittlung und Aneignung von Wissen ist unser Ziel.

WerWasWo Weinviertel: Wenn man aktuellen Umfragen Glauben schenken mag, steckt der Rotwein gehörig in der Krise. Nicht mehr gefragt, nicht mehr trendig, zu schwer … Warum möchtest du dich gerade jetzt für den Blauen Portugieser aus dem Retzer Land, der wegen seiner hohen Ansprüche als  Diva im Weingarten“ gilt, stark machen?

Georg: Weil diese Sorte genau das kann, was viele andere Rebsorten nicht schaffen. Der Blaue Portugieser ist gerade als leichterer Rotwein ein unglaublich spannender Wein. Er überzeugt nicht nur durch Trinkfluss, sondern auch durch eine tolle, komplexe Frucht bei Weinen ab 11 % Vol. Das können die meisten Rotweinsorten nicht. Die schmecken eher unreif, ein Portugieser nicht!

Wenn ich also eine Rotweinsorte suchen würde, die eben nicht zu schwer ist und dabei eine spannende Frucht haben soll – ja dann ist die Antwort einfach: der Blaue Portugieser.

Ich finde es sehr positiv, dass Slow Food den Blauen Portugieser in die Arche des Geschmacks aufgenommen hat. Die Arche des Geschmacks sind Lebensmittel, die vom Aussterben bedroht sind und die für eine Region wie zum Beispiel Retz eine enorme historische Bedeutung haben.

Hier sehe ich auch den Schwerpunkt: regionale Bedeutung. Wenn also ein Gast nach Retz oder ins Pulkautal kommt, dann wäre es toll, wenn er bei vielen Betrieben einen Blauen Portugieser bekommt. Quasi einen Local-Hero-Wein.

Ich weiß also: wenn ich nach Retz fahre, freue ich mich schon auf den Blauen Portugieser, weil es den ja sonst nirgendwo gibt.

WerWasWo Weinviertel: Warum gilt die Sorte Blauer Portugieser als bedroht?

Georg: Der Blaue Portugieser war früher die meistangebaute Rotweinsorte in Österreich. Alleine von 2015 bis 2020 ging die Rebfläche um rund 60 % zurück. Hier gab es sicher mehrere Gründe. Im Weinbau ist die Rebsorte eine richtige Diva und bestimmt eine große Herausforderung, vor allem im biologischen Anbau. Deshalb wurde sie von vielen Winzerinnen und Winzern durch einfacher zu kultivierende Sorten ersetzt.

Natürlich hat sich auch das Rotweintrinkverhalten der Menschen verändert. Gerade in Zeiten des Rotweinbooms suchte man eher Sorten mit mehr Dichte, Fülle & Komplexität. Das kann der Portugieser zwar auch. Zum Beispiel gibt es im Pulkautal einige Spezialisten für diesen Stil, jedoch liegt das eigentliche Wesen der Rebsorte im fruchtigen, leichteren Bereich.

Ein weiteres Problem war sicher auch, dass viele den Blauen Portugieser als Massenträger missbraucht haben bzw. die Sortenreinheit durch Zuschnitte anderer Rotweinsorten verändert haben. Das Ergebnis waren dünne Rotweine mit verfälschtem Portugieser-Profil.

WerWasWo Weinviertel: Glaubst du, dass der Rotwein im Allgemeinen und speziell der Blaue Portugieser eine Renaissance erleben könnten?

Georg: Ja, auf jeden Fall! Rotwein wird wieder eine Renaissance erleben. Dafür ist das Produkt einfach zu gut. Zum einen gibt es Wein schon ewig, sprich, das Konsumverhalten hat sich schon immer verändert. Das ist wie in der Mode, mal ist das eine modern, mal das andere. Auf einmal interpretiert ein Designer etwas Altes neu. Ein Modeexperte sagt: „Wow, was für eine tolle Idee!“, und das Alte ist plötzlich wieder der Renner.

Zum anderen, und das ist viel entscheidender, wird das Rotweinprofil in Österreich gerade geschärft. Man hat lange versucht, internationale Weinstile zu kopieren. Durchaus mit Erfolg. Im Export ist es allerdings so, dass man sich fragt: Warum soll ich einen fetten Rotwein aus Österreich trinken, wenn ich das sowieso aus der halben Welt haben kann, und das günstiger? Was die meisten Weinbauregionen der Welt nicht so gut können wie wir, sind facettenreiche, elegante Rotweine. Ich sage jetzt bewusst nicht „leicht“, da auch schwere Weine elegant sein können, und auch das können wir hervorragend.

Und genau hier hat der Blaue Portugieser seine Chance. Wenn wir es schaffen, ein Sortenprofil zu schaffen, welches einem Blauen Portugieser würdig ist und seiner DNA entspricht: elegant, mit seiner einzigartigen Frucht, kühl serviert bei 12 bis 16 Grad, auch mit viel Individualität durch die verschiedenen Rieden und WinzerInnen im Retzer Land und im Pulkautal, dann wird der Portugieser zumindest eine regionale Größe sein und auch in der einen oder anderen Top-Weinbar dieser Welt zu finden sein.

WerWasWo Weinviertel: Sollten wir beim Weintrinken auch daran denken, unsere Weinviertler Weinvielfalt zu erhalten?

Georg: Ja! Das Weinviertel war seit jeher eine Gegend, wo fast alles gedeiht. Wir sind das mit Abstand größte Weinbaugebiet Österreichs. Wenn man den Weinanbau in Österreich betrachtet, dann sind wir bei Grünem Veltliner, Welschriesling, Weißburgunder, Chardonnay, Gelbem Muskateller, aber auch beim Blauen Zweigelt die Nummer 1. Das Weinviertel produziert gleich viel Blauen Zweigelt wie das gesamte Burgenland! Das muss man sich mal vorstellen und auf der Zunge zergehen lassen!

Unser Problem ist, dass wir unser gesamtes Marketing im Weinviertel auf die Rebsorte Grüner Veltliner ausrichten. Das ist in Anbetracht unserer enormen Rebsorten Vielfalt einfach falsch. Man stelle sich mal vor, es würde auf jedem aus dem Weinviertel stammenden Qualitätswein auch „Weinviertel“ draufstehen. Dann würde es das Weinbaugebiet Niederösterreich (im Weinviertel alles, was nicht Weinviertel DAC ist) wahrscheinlich gar nicht geben, da die meisten anderen Weinbauregionen, wie die Wachau, das Kamptal oder der Wagram ja fast alle Rebsorten in ihrem DAC-System inkludiert haben. Zur Erklärung: Laut DAC Verordnung darf in der Weinbauregion Weinviertel nur ein Grüner Veltliner als Weinviertel DAC deklariert werden und somit die Region am Etikett stehen. Bei allen anderen Rebsorten gibt es keine Möglichkeit, die Region Weinviertel anzuführen. Hier steht immer Niederösterreich. 

Auch international würde man die ganze Region aufwerten, da die Konsumentinnen und Konsumenten der Weine mit niederösterreichischer Herkunft sehen würden, dass ihre Lieblingsweine eigentlich aus dem Weinviertel stammen.

WerWasWo Weinviertel: Beim Namen “Blauer Portugieser“ ist man versucht, auf Portugal zu denken. Ein Irrtum?

Georg: Ja es gibt zwar in Portugal die idente Rebsorte Names Português Azul, jedoch stammt die Sorte Portugieser vermutlich aus der Untersteiermark dem heutigen Slowenien.  Die meiste Verbreitung ist in Niederösterreich, und hier vor allem wieder im Weinviertel.

WerWasWo Weinviertel: Was genau schätzt du selbst an einem Glas Blauer Portugieser? Und zu welchen Speisen würdest du diesen empfehlen?

Georg: Ich finde, der Portugieser passt super zu vegetarischen Speisen. Das Schöne ist ja: Das Weinviertel ist ein richtiges Gemüseparadies. Von Erdäpfeln bis Rote Rüben wächst hier alles. Und genau dazu passt auch der Portugieser. Das Essen muss nicht immer komplex sein. Einfach zum Beispiel einen Chicorée grillen oder, wenn es international sein darf, dann finde ich, dass die Pimientos de Padrón mit Blauem Portugieser ein super Match in Heaven sind.

Wenn man doch nicht ohne Fleisch sein kann, dann empfehle ich ein gutes Beef Tatar oder klassische Weinviertler Speisen wie gebratene Nierndln oder ein gutes Blunzengröstl.

WerWasWo Weinviertel: Früher war der Blaue Portugieser der traditionelle Retzer Rotwein und wurde sogar beimFestbankett zur Unterzeichnung des Österreichischen Staatsvertrages am 15. Mai 1955 ausgeschenkt. Dadurch gilt die Sorte vielen als wichtiger Teil des österreichischen Weinbauerbes und der regionalen Identität des Weinviertels. Argumente, die durchaus überzeugen!

Georg:  Ja, natürlich, und genau das sollte der Grund sein, diese Rebsorte in unserer Region zu erhalten. Wir verkaufen den Portugieser mittlerweile auch nach New York. Was wir den Menschen dort erzählen, ist, dass der Portugieser unser Liberty Wine ist, in Anlehnung an die Statue of Liberty (Freiheitsstatue). Genauso wie die Amerikaner beim Anblick der Freiheitsstatue an die Unabhängigkeit denken, sollten wir das bei jedem Schluck Portugieser tun. Es ist bei Weitem keine Selbstverständlichkeit, in einem Land zu leben, wo man seine Meinung frei äußern darf, und wo jeder Mensch eine Chance hat, etwas aus seinem Leben zu machen. Das sollten wir nie vergessen und immer dafür eintreten. Der Portugieser ist unser Weinviertler Symbol der Freiheit.

WerWasWo Weinviertel: Was genau unternimmt das Bioweingut Georg Toifl zur Erhaltung des Blauen Portugiesers?

Georg: Um ehrlich zu sein, gibt es viele Menschen, zum Beispiel den Blauen Portugieser Club oder Slow Food Village Retz, die sich schon jahrelang sowie viele WinzerInnen der Region, die sich schon jahrzehntelang für die Sorte einsetzen. Mich hier als großen Portugieser-Pionier zu inszenieren, wäre einfach falsch. Ich möchte einfach den Diskurs aufrechterhalten und mich einbringen, da ich überzeugt bin, dass die Sorte eine Chance für das Retzer Land und das Pulkautal ist. Aber man muss das Profil weiter schärfen und klar kommunizieren.

www.georgtoifl.wine

WerWasWo Weinviertel: Vielen Dank für das Gespräch!

Fotos: © Bio Weingut Georg Toifl