Kürzlich, während einer andauernden Hitzewelle,ging es im Rahmen des Projektes AfterWork am Bauernhof zum Thema „Tierwohl – ein Leben lang“ zur Landpartie ins Weinviertel. Bei fast unerträglich heißen Temperaturen besuchten wir gemeinsam mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern den Demeterhof von Helga Bernold in Stronsdorf, wo wir ihre schönen Wagyu Rindern bewundern durften, und Apis-Z in Enzersdorf, wo uns Wolfgang Schmidt seine Bienenstöcke zeigte.





Erfrischungen gab es natürlich auch: wir wurden ausreichend mit Traubensaft, Mineralwasser und Melissensaft plus Oxymel bewirtet.
Die Exkursion wurde von Reinhard Geßl vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) und Birgit Heinrich von Demeter Österreich begleitet. Tierwohl umfasst laut Reinhard Geßl die gesamte Lebensqualität eines Tieres – von der Geburt bis zum Lebensende.
Tiere sollen gesund sein, ihre natürlichen Verhaltensweisen ausleben können und sich in ihrer Umgebung wohlfühlen. Dazu gehören ausreichend Platz und Bewegungsfreiheit, frische Luft und Zugang ins Freie, hochwertiges Futter, sauberes Wasser, Kontakt zu Artgenossen sowie Schutz vor Angst, Schmerzen und vermeidbarem Stress. Als Grundlage dienen die sogenannten fünf Freiheiten des Tierwohls, die auch die Basis der biologischen Landwirtschaft bilden. Tierwohl ist kein fixer Zustand, sondern ein kontinuierlicher Prozess, bei dem die Haltungsbedingungen laufend weiterentwickelt werden.
Birgit Heinrich erklärt, dass Demeter als ältester Bioverband die gesetzlichen Bio-Richtlinien erweitert und den landwirtschaftlichen Betrieb als lebendigen Hoforganismus versteht. Im Mittelpunkt stehen geschlossene Kreisläufe, fruchtbare Böden, eine besonders artgerechte Tierhaltung sowie der respektvolle Umgang mit Natur, Mensch und Tier.
Vom Ankommen beim Demeterhof von Helga Bernold in Stronsdorf im Weinviertel
Wir stoßen zur Afterwork am Bauernhof-Gruppe, die mit dem Bus direkt von Wien angereist ist, und sich schon im Schatten des Demeterhofes versammelt hat. Helga Bernold ist natürlich im Arbeitsg‘wand und berichtet, dass sie den Familienbetrieb gemeinsam mit Fleischermeister aus Leidenschaft Wolfgang führt. Sie hat den Betrieb von ihrem Mann Herbert übernommen und erzählt von ihren Kindern, die bei der Arbeit am Bauernhof eingespannt werden bzw. gerade eine Landwirtschaftsschule in Salzburg bzw. eine Ausbildung in Kramsach in Tirol machen.


Helga kommt aus einer Landwirtschaft im Mostviertel, wo gemischte Landwirtschaft Standard ist. Im Weinviertel herrscht Ackerland vor, Grünland gibt es wenig, deshalb hat die letzte Kuh Stronsdorf auch schon vor Jahrzehnten verlassen. Als sie damals als junge Frau und nach 10 Jahren in der IT-Branche ins Weinviertel gekommen ist, um dort Hühnerhaltung, wo damals damit alle aufgehört hatten, und eine bio-dynamische Landwirtschaft beginnen wollte, wurde sie schief angeschaut. Nach dem Motto „Ist der Ruf einmal ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert“ hat sie sich auch noch bewusst für die Haltung von Wagyu-Rindern entschieden. Suspekt! Heute wird Helga respektiert und hat sich ihren Platz im Weinviertel erarbeitet.
Was auf jeden Fall zutrifft: Tierwohl ist hier am Demeterhof in Stronsdorf nicht nur ein Schlagwort, sondern gelebter Alltag.
Helgas Tiere wachsen besonders langsam und legen pro Tag durchschnittlich nur rund 600 Gramm an Gewicht zu – herkömmliche Mastrassen erreichen oft Tageszunahmen von bis zu 1.500 Gramm. Dadurch bleiben die Tiere rund vier Jahre am Betrieb und dürfen erwachsen werden – genau das entspricht der Philosophie des Hofes. Die Rinder erhalten ausschließlich hochwertiges Futter aus eigenem Anbau und haben ganzjährig Zugang zur Weide. Beim Rundgang durch Stall und Herde fällt sofort auf, wie ruhig, entspannt und neugierig die Tiere sind. Ebenso spürt man den engen und vertrauensvollen Bezug, den Helga zu ihren Rindern hat. Sie ist stolz auf ihre 130 Mutterkühe, die 1 Mal im Jahr ein Kalb bekommen. Das Außergewöhnliche: Ihre Rinder dürfen erwachsen werden! Ihr geht es nicht darum, wie sie am meisten verdienen kann, sondern wie alle in der Wertschöpfungskette profitieren können.

Schließlich holt Helga zwei Hörner zwecks anschaulicher Erklärung herbei: Wir lernen, dass Hörner lebendes, durchblutetes Gewebe sind und unter anderem der Kommunikation innerhalb der Herde sowie der Wärmeregulierung dienen. Zudem weisen aktuelle Forschungen darauf hin, dass sie möglicherweise auch eine Rolle bei Stoffwechsel- und Verdauungsprozessen spielen.
Helga erklärt auch, dass Hörner grundsätzlich kein erhöhtes Verletzungsrisiko innerhalb der Herde darstellen. Verletzungen durch Hörner entstehen vor allem dann, wenn Tiere unter Stress stehen oder zu wenig Platz haben. Gute Haltungsbedingungen, ausreichend Bewegungsraum und ein ruhiger Umgang mit den Tieren sind daher entscheidend.


In der biodynamischen Landwirtschaft haben die Hörner darüber hinaus eine besondere Bedeutung: Sie werden für die Herstellung biodynamischer Präparate verwendet, etwa des Hornmistpräparats, das die Bodenfruchtbarkeit und das Bodenleben fördern soll. Bei diesem Prozess spielt auch eine spirituelle Komponente eine Rolle. Eine Probe davon in Form einer saftigen, geruchlosen, braunen Kugel geht die Runde. Jeder darf einmal Fühlen!


Als wir dann zu den Rindern im Freiluftstall gehen, genießen diese gerade frisches Heu. Man sieht, dass es den Tieren gut geht! Ein paar Meter weiter geht es gemeinsam zur Weide, wo uns schon einige Rinder entgegenlaufen um den schattigen Stall aufzusuchen.
Die Demeterbäuerin erklärt, dass sie sich den Luxus leistet, einige Tiere „unnötig“ durchzufüttern und so alt werden zu lassen, wie sie eben wollen. Es muss ihrer Meinung nach nicht immer alles Profit bringen. Wichtig ist ihr, alles in der eigenen Hand zu haben.
Die Hitze ist groß, deshalb sind alle dankbar, zu einigen Kostproben und kühlen Getränken in den Verarbeitungsraum eingeladen zu werden.


Helga schwärmt von der tollen Fleischqualität des Wagya-Rindes. Nachdem die Fleischfaser feiner ist, sich weniger Wasser im Fleisch befindet und der Fettanteil geringer ist, kann sie mit dieser Rinderrasse ihre Herangehensweise und den Wunsch, die Tiere auch erwachsen werden zu lassen, realisieren.
Die Köstlichkeiten vom Rind auf Brot oder fast schwarze Rinderknabbernossi und Pastrami schmecken richtig gut!
Fleischermeister Wolfgang gab anschließend Einblicke in seine Arbeit als Fleischermeister: Etwa alle zwei Wochen wird direkt am Hof ein Rind geschlachtet. Lange Tiertransporte entfallen, wodurch den Rindern Stress weitgehend erspart bleibt. Wolfgang verarbeitet das Fleisch direkt am Betrieb zu hochwertigen Spezialitäten und setzt bewusst auf traditionelles Fleischerhandwerk. Er verzichtet auf Zusatzstoffe wie Phosphate oder Pökelsalz.


Zum Abschluss konnte nach Herzenslust und mit einem guten Gefühl eingekauft werden!
www.wagya.at
Nach der Verabschiedung von Helga ging es weiter durch das Weinviertel in Sachen Tierwohl, und das ein Leben lang.
Bei der Fahrt zu unserer nächsten Landpartie nach Enzersfeld konnten wir sogar wunderschöne Lavendelfelder bewundern, welche die aktuell ausgetrocknete Landschaft mit ihrem hellen violetten Farbton verschönern. Für ein Foto war leider keine Zeit.
Unser Ziel: Apis-Z, einer Hofgemeinschaft, die Imkerei, Baumschule, Streuobstwiesen und Permakultur vereint. Dort in Enzersdorf lud uns Wolfgang Schmidt in die Räumlichkeiten eines ehemaligen, bereits in die Jahre gekommen Heurigenlokals. Der perfekte, relativ kühle Raum, um in die Welt der Bienen einzutauchen.


Wusstet ihr, dass es in Österreich rund 32.000 Imkerinnen und Imker gibt und fast 99 Prozent davon als Hobby- oder Nebenerwerbsimker tätig sind? Jede Österreicherin und jeder Österreicher verbraucht durchschnittlich 1,2 Kilogramm Honig pro Jahr. Die heimische Produktion deckt nur rund 48 Prozent des Bedarfs.
Wolfgang Schmidt erzählt voller Euphorie von der wesensgemäßen Bienenhaltung. Er vermittelt uns, wie komplex und perfekt organisiert ein Bienenvolk ist. Für Wolfgang ist das Bienenvolk weit mehr als die Summe seiner einzelnen Tiere – erst das harmonische Zusammenspiel von Königin, Arbeiterinnen und Drohnen macht den sogenannten „Bien“ zu einem funktionierenden Superorganismus. Er berichtet außerdem, dass es weltweit neun Arten von Honigbienen gibt – acht davon stammen aus Asien, nur eine Art ist in Europa heimisch. Auf seinem Betrieb leben rund 200 Bienenvölker. Das ist schon gewaltig!
Wolfgang erklärt den Unterschied zwischen Wildbienen, Honigbienen und wildlebenden Honigbienen und holt eine Naturwabe, die vollständig von den Bienen gebaut wird, zum Angreifen und Bewundern hervor. Ein Meisterwerk der Natur!
Auch das Schwärmen ist Thema. Der Imker schildert, dass es sich dabei um einen völlig natürlichen Vorgang handelt, der der Vermehrung und Verjüngung eines Bienenvolkes dient und von ihm bewusst nicht grundsätzlich verhindert wird. Über die Drohnen lernen wir ebenfalls viel Neues. Sie sind die männlichen Bienen und haben vor allem die Aufgabe, junge Königinnen zu begatten und damit für die genetische Vielfalt zu sorgen. Besonders faszinierend sind die sogenannten Drohnensammelplätze – Orte in luftigen Höhen, an denen sich Drohnen und Königinnen treffen und deren genaue Funktionsweise bis heute nicht vollständig erforscht ist.
Ebenso beeindruckend ist der Schwänzeltanz der Honigbienen. Mit dieser einzigartigen Tanzsprache teilen Sammlerinnen ihren Artgenossinnen mit, wo sich ergiebige Futterquellen befinden. Richtung, Dauer und Intensität des Tanzes verraten Flugrichtung, Entfernung und Qualität der Nahrung – eine Kommunikationsform, die bis heute fasziniert.
Auch die Varroa-Milbe ist Thema. Wir lernen, dass sie nach wie vor der größte Feind der Honigbiene ist. Sie schwächt die Bienen, überträgt Viren und kann ganze Bienenvölker gefährden. Staunen löst auch der außergewöhnliche Geruchssinn der Bienen aus. Wir erfahren, dass sie Gerüche um ein Vielfaches besser wahrnehmen können als Hunde und deshalb sogar für spezielle Aufgaben trainiert werden können.
Bienentierwohl bedeutet daher nicht nur ausreichend Nahrung und geeignete Lebensräume, sondern auch eine sorgfältige Betreuung der Völker durch den Imker. Das hört sich nach ganz schön viel Arbeit an!


Nach der theoretischen Einführung geht es wieder ins Freie in den Naturgarten, wo sich auch ein Teich befindet, und direkt zu den Bienenstöcken. Am Weg dorthin können wir Laufenten beobachten, die durch eine Weingartenzeile eilen. Wolfgang arbeitet völlig ruhig und öffnet die Völker ohne Schutzanzug und ohne Handschuhe. Ausnahmsweise benutzt er einen Smoker, um einen Waldbrand zu simulieren und die Bienen von uns fernzuhalten. Dann dürfen wir aus nächster Nähe den Bienenstock bzw. die einzelnen Bienenwaben betrachten – ein besonderes Erlebnis. Beeindruckend ist vor allem die Gelassenheit mit der Wolfgang Schmidt arbeitet. Seine Bienen kennen ihren Imker und fühlen sich durch seine ruhigen, geübten Handgriffe nicht bedroht. So wird deutlich, wie wichtig Vertrauen und ein respektvoller Umgang auch in der Imkerei sind.





Zum Abschluss wartet eine Verkostung verschiedenster Bienenprodukte. Besonders spannend finden wir Bio-Oxymel, ein traditionelles Getränk aus Honig, Essig und Wasser in verschiedenen Geschmacksrichtungen wie Thymina, Quitte oder Tannennadeln. Aufs Brot gibt es Honig mit den klingenden Namen „Summer Time“, „Blasser Schimmer“ oder „O Sole Bio“ – reiner Bio-Sonnenblumenhonig aus Nektar von den Bienen auf den Feldern von Helgas Demeterhof in Stronsdorf. So schließt sich der Kreis dieser aufregenden und lehrreichen Landpartie von Afterwork am Bauernhof im Weinviertel.




Als gesundes Mitbringsel wandert die Apis-Z Haselmaus aus Honig und Haselnüssen in die Handtasche – das bessere Nutella! Es hat sich ausgezahlt, dabei gewesen zu sein!
www.apis-z.at
Fotos: Brittas Schreiberei